Materiale Textkulturen
Teilprojekte
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A01

Beschriebenes und Geschriebenes im städtischen Raum der griechisch-römischen Antike und des Mittelalters

 
UP2

Ritualisierte Inschriftlichkeit und handlungsbezogene Ikonographie an spätantiken Gräbern im westlichen Imperium Romanum (3.–7. Jh.)

 

aktuelle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Teilprojektleiter Prof. Dr. Christian Witschel
akademischer Mitarbeiter Stefan Ardeleanu

 

 

 

Projektbeschreibung

Das Projekt untersucht einige bedeutende Gruppen spätantiker Grabinschriften und ikonographisch gestalteter Grabmarker, um die an den Gräbern und in den zugehörigen Sepulkralräumen vollzogenen Praktiken zu rekonstruieren. Dabei stehen solche schrifttragenden Grabmonumente im Westen des Römischen Reiches im Fokus, die sich für eine topologisch-praxeologische und ikonologische Artefaktanalyse eignen. Grabkontexte werden hierbei als integraler Bestandteil des städtischen Raumes begriffen, denn suburbane Nekropolen wie innerstädtische Bestattungsorte wurden in der Spätantike zunehmend zu Schauplätzen städtischer Identitätsbildung und sozialer Aushandlungsprozesse.

Das zentrale Forschungsziel ist es, die an Gräbern vollzogenen Handlungen zu rekonstruieren. Bestattungsbegleitende wie kommemorative Grabpraktiken, z. B. das regelhafte Aufsuchen von Gräbern in Verbindung mit Totenmählern (convivia) oder Libationsriten (refrigerium), sind aus vielen spätantiken Metatexten überliefert. Archäologische und epigraphische Befunde aus und um spätantike/n Gräber/n lassen aber eine wesentlich komplexere – und regional stark unterschiedliche – Ausbildung solcher Grabpraktiken vermuten. Dazu zählen insbesondere beschriftete Grabmarkertypen wie Funerär-mensae (‚Speisetische‘ bzw. Gelage-Installationen über/an Gräber/n), piscinae (Grabdeckel mit Libationsvorrichtungen) und gelochte/reliefierte Grabdeckplatten. Diese ‚ritualisierten Epitaphe’ werden zunächst von ihrer praxeologischen Seite her untersucht. Wie wurden solche Grabmarker während der kommemorativen Riten genutzt? Was wurde über ihnen konsumiert, entleert, verbrannt bzw. gespendet? Aufschluss können die Analyse der Grabmarker-Oberflächen (Wasserdichte, Löcher, Zuleitungen, Rückstände in Auffangbecken, Libationsröhren, Speisemulden, Verbrennungsvorrichtungen etc.), aber auch Grabinventare oder organische Reste geben. Die materialbezogene Autopsie von Lateral- und Rückseiten der Epitaphe verspricht wertvolle Informationen zur Anbringung, Zugänglichkeit und zur Nutzung der Gräber. Diese spätantiken Rituale sollen erstmals in einer vergleichenden archäologisch-epigraphischen Synthese und aussagekräftigen Typologie der Grabmarker für das westliche Mittelmeergebiet erschlossen werden. Damit einher geht die übergeordnete Frage, ob diese Riten als Folge der zunehmenden Christianisierung gewertet werden können oder ob eher bestehende kultische Lokaltraditionen entscheidend für die Ausprägung der unterschiedlichen Praktiken waren.

Spätantike Grabinschrift auf einer flutbaren Grabplatte (piscina) aus Salona (archäologisches Museum Split, Kroatien; Bild: Stefan Ardeleanu)

Neben den Schriftträgern werden ikonographische Fragen diskutiert, um komplementäre Ergebnisse zum Kultablauf, zum Teilnehmerkreis und zum Adressatenfeld der funerären Bildbotschaften zu erzielen. Dazu werden bemalte und musivisch dekorierte Gräber sowie Reliefsarkophage ausgewertet, die Hinweise auf Grabrituale enthalten. Themen wie das Totenmahl (coena funebris) und mit ihm verbundene Einzelsymbole wurden wiederholt an spätantiken Gräbern dargestellt. Hier ist zu klären, ob solche Darstellungen regionalen Vorlieben/Traditionen verpflichtet waren, ob sie reale Praktiken kommemorierten oder eher als allgemeine Idealvorstellungen des ‚christlichen‘ Jenseitsgedankens zu deuten sind.

Totenmahlzene mit Trinkspruch-Inschriften aus der Katakombe ‚St. Petrus und Marcellinus‘, Rom, 4. Jh. n. Chr. © J. Wilpert, Die Malereien der Katakomben Roms (Freiburg 1903) Taf. 157

Ein dritter Themenkomplex widmet sich dem räumlich-architektonischen Kontext, in welchem die Riten stattfanden: gut dokumentierte Grabmosaik-Ensembles in Kirchen mit sepulkraler Funktion, aber auch Komplexe mit sog. ad sanctos-Bestattungen sowie Bezirke für kollektive Grabbankettfeiern in freien und unterirdischen Nekropolen. Inwiefern beeinflussten Grabinschriften, Architektur bzw. Dekor den Kult am Grab? Welche Gruppen durften in der Spätantike überhaupt an bestimmten Plätzen bestatten bzw. ihrer Toten gedenken? Anhand einiger Beispiele mit günstiger epigraphischer Dokumentation und mittels zentraler SFB-Ansätze wie ‚Präsenz‘, ‚Topologie’, ‚restringierte Sichtbarkeit‘ oder bewusste ‚Leseleitung‘ durch Inschriften (‚Affordanz‘) sollen die rituell-liturgischen Handlungen und sozialhierarchische Mechanismen in einigen Bestattungsräumen rekonstruiert werden.

Mit diesem kombinierten Ansatz möchte das Projekt einerseits einen grundlegenden Beitrag zur Frage nach den Transformationen funerärer Praktiken während der Umbruchsituation der Spätantike leisten und andererseits die Rolle von Schrift und Bild in diesen Sepulkralräumen neu bewerten.

 

Teilprojekte der 3. Förderperiode

A01 A02 A03 A05 A06 A08 A09 A10 A11 A12 B01 B04 B09 B10 B13 B14 B15 C05 C07 C08 C09 C10 INF Ö2 Z

 

 

abgeschlossene Teilprojekte

A01 A03 A04 B02 B03 B06 B07 B11 B12 C01 C02 C03 C04 C06 IGK Ö1

 

 

Mitglieder des SFB

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