Materiale Textkulturen
Teilprojekte
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A01

Beschriebenes und Geschriebenes im städtischen Raum der griechisch-römischen Antike und des Mittelalters

 
UP3

Rezeption und kommunale Neuschöpfung: Die Antike in der städtischen Epigraphik des lateinischen Mittelmeerraums

 

ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Teilprojektleiter Prof. Dr. Nikolas Jaspert
akademischer Mitarbeiter Dr. Wolf Zöller

 

 

 

Projektbeschreibung

Kommemoration einer Stiftung Papst Gregors II. für die Kirchenlampen, PetersbasilikaDer spätantik-frühmittelalterliche Niedergang der mediterranen Stadtkulturen im lateinischen Westen zog ein großflächiges Verschwinden antiker Inschriftlichkeit nach sich. Mit diesem Bedeutungsschwund des urbanen Raums im frühen Mittelalter verlor auch die epigraphische Praxis an Attraktivität als öffentliches Kommunikationsmedium. Erst mit dem epochalen Umbruch, den der erneute Aufschwung der Städte als wirtschaftliche, kulturelle und politische Zentren an der Wende zum 11. Jahrhundert markiert, setzte eine Entstehung neuer sozialer Handlungsspielräume und damit verstärkt auch die Inschriftenüberlieferung wieder ein.

Die italienischen Städte gingen jener Entwicklung in vielfacher Hinsicht voraus. Im Rahmen der hochmittelalterlichen Kommunebildung ist die politische Neustrukturierung des Urbanen unter der Leitung aufstrebender lokaler Führungsschichten von der Genese eines neuen epigraphischen Habitus begleitet, der den vielfach noch sicht- und lesbaren Resten der antiken Inschriftenkultur, wie sie in den Unterprojekten UP1 und UP2 des Teilprojekts A01 bearbeitet werden, neue Aufmerksamkeit schenkte. In diversen sozialen Kontexten griffen die städtischen Akteure die Angebote der antiken Inschriftenkultur auf, da die Materialität der Artefakte, aber auch die am Stein vollzogenen Bearbeitungen den Textträgern multiple Affordanzen verliehen und ein weites Spektrum mittelalterlicher Rezeptionsoptionen zur Verfügung stellten. Diese reichten von der bloßen Nutzung der Stofflichkeit antiker Inschriftenplatten über die Imitation antiker epigraphischer Schrifttypen bis hin zur baulichen Ausstellung antiker Inschriftenfragmente. Dabei lassen sich Aktualisierungen der ursprünglichen Textbedeutungen ebenso beobachten wie neue topographische und architektonische Arrangements der Artefakte ohne Bezug auf ihren sprachlichen Inhalt. Die Spannbreite der Rückbezüge reicht demnach von der Inschriftenpaläographie über die Anordnung der Schrift bis zur Positionierung der Inschriften im Raum.

Brüche, Neuschöpfungen und damit einhergehend die jeweiligen Qualitäten der Rezeptionsvorgänge lassen sich jedoch kaum angemessen beurteilen, ohne auf die epigraphischen Kontinuitäten des ersten nachchristlichen Jahrtausends zu verweisen und diese konsequent in das Bild miteinzubeziehen. Sie repräsentieren das nötige Korrektiv, mit dessen Hilfe eruiert werden kann, inwiefern die kommunale Epigraphik einen Bruch mit der bis dahin geübten inschriftlichen Praxis bedeutete, ob neue soziale Aushandlungsprozesse die Nutzung antiker Inschriftlichkeit prägten und in welchem Maße sich neue Akteure von etablierten Kommunikationsstrategien und Herrschaftsstrukturen absetzten. Unter den genannten Kontinuitätsträgern sind in erster Linie die Bischöfe von Rom und ihr sich allmählich zur Kurie institutionalisierendes persönliches Umfeld an kirchlichen Amtsträgern und Dienstleuten zu nennen. Sie sahen sich in der ehemaligen Hauptstadt des Imperiums nicht nur alltäglich mit dem bei weitem größten Fundus an antiken Inschriften konfrontiert, sondern bedienten sich selbst seit der sogenannten „konstantinischen Wende“ des 4. Jahrhunderts durchgängig der althergebrachten Kommunikationsmittel der römisch-griechischen Antike. Die antiken Ursprünge des römischen Bischofssitzes und die ehrwürdigen Traditionen der örtlichen Gemeinde zählten zu den identitätsstiftenden Determinanten und Grundpfeilern von Würde, Rang sowie Rechtsstellung der Päpste.

Epitaph Papst Hadrians I., PetersbasilikaDie im Rahmen von UP3 vorgenommene Fokussierung auf die Stadt Rom ermöglicht es, Dauer und Dichte des römischen Inschriftencorpus und damit Phänomene der epigraphischen long duree zu beschreiben, mithin die Präsenz und Nutzung antiker materieller Artefakte im urbanen Raum bis hin zur hochmittelalterlichen Kommunebildung zu überblicken. Unter Berücksichtigung der sozialpraktischen Wirkung des Be- und Geschriebenen und der Realitätserzeugung durch epigraphische Aktanten lässt sich das Spannungsverhältnis zwischen Traditionsbildung und Innovation, Kurie und Kommune bestimmen sowie das Diktum einer vermeintlichen Umbruchphase der mittelalterlichen Textkulturen überprüfen.

Im Vergleich zur Behandlung inschriftlicher Quellen in den Altertumswissenschaften sind die epigraphischen Zeugnisse seitens der Mediävistik bislang nur punktuell ausgewertet worden. Am weitesten ist der Erschließungsstand in Italien vorangeschritten, für das eine Reihe regionaler Editionen vorliegt. Den üppigen Corpora, zumal zur christlichen Inschriftenkultur in Rom, steht jedoch eine mangelhafte systematische Erforschung der epigraphischen Überlieferung gegenüber. Ausnahmen stellen die Arbeiten von Armando Petrucci und Carlo Carletti dar, die eine sozial- und medienhistorische Kontextualisierung epigraphischen Schreibens vorgenommen, den Wandel des epigraphic habit zwischen Spätantike und Frühmittelalter untersucht und auf den Zusammenhang zwischen den materiellen Überresten antiker Inschriften und der Entwicklung einer italienischen Epigraphik des Hochmittelalters hingewiesen haben. Solch theoretisch-methodische Vorschläge sind zwar unter kommunikations- und medienhistorischer Perspektive von Marc von der Höh für die Inschriftenkulturen vereinzelter Kommunen aufgegriffen worden, doch noch allzu häufig kommt den Inschriften, etwa bei der Beurteilung des sogenannten ‚Reimpiego‘, d.h. der Nutzung antiker Spolien im italienischen Mittelalter, ein peripherer Status neben den bildhaften bzw. dekorativen Elementen (Kapitelle, Säulen, Friese etc.) zu.

UP3 hat sich zum Ziel gesetzt, auf Grundlage einer Sondierung der (kunst)historischen Literatur und der epigraphischen Corpora das päpstlich-kardinalizisch-kuriale Inschriftenerbe der Stadt Rom zwischen 300 und 1200 CE zu identifizieren, zu sammeln und ihr das profan-städtisch-kommunale Material des Hochmittelalters gegenüberzustellen. Gerade für das Papsttum stehen etwa mit der Berücksichtigung epigraphischer Zeugnisse im Göttinger Papsturkundenwerk gute Vorarbeiten zur Verfügung, die allerdings für die Fragestellungen des SFB aufzuarbeiten sind. Besonderes Interesse verdienen Zeugnisse, die erkennbar antikisierend operieren, autorisierende und legitimierende Traditionalität evozieren oder gar durch die Wiederverwendung von antiken Inschriften und Inschriftenfragmenten hervorstechen. Dabei wird ein Modell epigraphischer Kommunikation zugrunde gelegt, das Inschriften sowohl als geschriebene Texte versteht als auch ihre Materialität sowie sprachliche und graphische Formung (Schrift-Bild-Verhältnis, Layout, Dreidimensionalität der Schrift u. a. m.) berücksichtigt. Die Ergebnisse dieser Dokumentationsphase werden in eine Datenbank aufgenommen und später öffentlich zugänglich gemacht.

Auf dem Fundament dieser Materialbasis gilt es, die Entstehungsbedingungen und Anbringungssituationen der epigraphischen Artefakte zu rekonstruieren. Eine befriedigende Untersuchung epigraphischer Zeugnisse kann nur unter Berücksichtigung ihrer konkreten Entstehungsbedingungen, ihrer ursprünglichen sozio-spatialen Einbindung und der mit ihnen verbundenen Praktiken erfolgen. Wie wirkte das schrifttragende Artefakt als Teilnehmer und Mitgestalter auf die an ihm vollzogenen Kommunikations- und Rezeptionspraktiken ein? Ein referenzialisierendes Verhältnis zwischen Inschriftenkulturen besteht sowohl auf der Ebene des gewählten Materials, des Layouts sowie der graphischen und gravurtechnischen Formung der Inschriften, als auch hinsichtlich der Integration der Inschriften in sozio-spatiale Kontexte. Neben baugeschichtlichen Befunden sind hierfür insbesondere kirchliche versus kommunale Topographien zu etablieren, räumlich-architektonischen Konfigurationen zu bestimmen und Fragen von Öffentlichkeit und Ausstellung mittelalterlicher Inschriften, aber auch der antiken Inschriften-Spolien zu beantworten.

In einem letzten Schritt werden die erhobenen Befunde historisch kontextualisiert und diachron aufgefächert. Welche antiken epigraphischen Praktiken hat das Papsttum dem römisch-mittelitalienischen Mittelalter vererbt? Wie steht es um den Wandel päpstlicher Inschriftenkultur von der Spätantike bis zum Hochmittelalter? In welchem Verhältnis steht die hochmittelalterliche Weiter- bzw. Wiederverwendungen antiker Inschriften im kommunalen Kontext zur althergebrachten epigraphischen Tradition der römischen Kirche?

 

Teilprojekte der 3. Förderperiode

A01 A02 A03 A05 A06 A08 A09 A10 A11 A12 B01 B04 B09 B10 B13 B14 B15 C05 C07 C08 C09 C10 INF Ö2 Z

 

 

abgeschlossene Teilprojekte

A01 A03 A04 B02 B03 B06 B07 B11 B12 C01 C02 C03 C04 C06 IGK Ö1

 

 

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