AG 8 Sprechende Materialität

Ansprechpartnerin: Nele Schneidereit

Die AG hat zum Ziel, den Begriff der ›Affordanz‹, die in ihrer ursprünglichen, wahrnehmungspsychologischen Bedeutung auch für nicht-schrifttragende Artefakte und nicht-menschengemachte Objekte gilt, für die besonderen Untersuchungsgegenstände unseres SFB zu schärfen und passgerecht zu machen. Um Handlungsmacht und -angebote von beschrifteten Artefakten genauer analysieren zu können, wird die AG auf die Sprechakttheorie rekurrieren, sie in den 1960er Jahren von Searle/Austin entwickelt wurde. Deren Ansatz versteht ›Sprechen‹ als eine Handlung, die über das reine Aussprechen einer Aussage hinausgeht. Besonders interessant für die AG sind dabei die sog. performativen Sprechakte, in denen Sprachäußerung und Handlungsvollzug zusammenfallen. Einige Versuche, die am Oralen entwickelte Sprechakttheorie auch auf Geschriebenes anzuwenden, gibt es schon. Ebenso liegen schon Ansätze vor, die Dinglichkeit und Sprachmacht zusammenführen. An beides anschließend will die AG nun eine ‚materiale‘ Interpretation der Sprechakttheorie erproben, indem Texte auf (realen oder fiktiven) Artefakten wie z. B. Grabstelen, Wänden oder Amuletten als Sprechakte verstanden werden, die in besonderer Weise mit der Materialität der beschriebenen Dinge zusammenhängen.

Um diese materialen Sprechakte kontextsensibel verstehen zu können, wird sich die AG einer weit gefassten Bedeutung von ›Episteme‹ im Sinne von ,sich auf etwas verstehen‘ bedienen. Angenommen wird, dass mit Sprechakten versehene Artefakte teilhaben an bestimmten Wissensdiskursen, die sich zum einen implizit manifestieren (ein beschrifteter Grabstein impliziert das Wissen über seine Herstellung), zum anderen aber auch explizit deutlich gemacht werden können (z. B. durch Veröffentlichung eines medizinischen Rezeptes auf einer Steintafel). Da materiale Sprechakte diese Episteme gleichzeitig auch weiterschreiben, interessiert sich die AG auch für eine diachrone Analyse der materialen Sprechakte, die einen historischen Wandel der Episteme und Materialitätsdiskurse und -praktiken untersuchen kann.