AG 6 Vernichtung von Geschriebenem

Ansprechpartnerin: Carina Kühne

Ausmeißeln, Zerreißen, Verbrennen, Essen, Begraben, Auflösen, Abwischen, Schmelzen … – die Zerstörung von Schrift kann verschiedenste Formen annehmen und mindestens ebenso viele Funktionen erfüllen. Vom Alten Ägypten über Mesopotamien ins Römische Reich, vom islamischen Raum über die ältere wie jüngere europäische Geschichte bis hin nach China, in allen Zeiten und Kulturen werden schrifttragende Artefakte immer wieder mutwillig beschädigt. Eine Urkunde wird getilgt, weil oder damit sie nicht mehr rechtsgültig ist; ein Name wird aus einer Inschrift ausgemeißelt, um die Erinnerung an den Namensträger zu zerstören; die Amts-Hieroglyphe aus Brot wird im Ritual gegessen, um das Königsamt zu übertragen; ein alter Papyrus wird zerschnitten, damit das Material in der Herstellung von Kartonagesärgen weiterverwendet werden kann. Diesem weit verbreiteten Phänomen widmet sich die Arbeitsgruppe „Zerstörung von Geschriebenem“. Im Zentrum der Untersuchungen stehen die schrifttragenden Artefakte selbst, (Meta-)Texte über die Zerstörung von Geschriebenem, sowie die an den Objekten vollzogenen Praktiken und der Zeitpunkt der Beschädigung. Mit Blick auf die Funktion beschäftigt sich die Arbeitsgruppe mit der Frage, in welchen Fällen Schriftzerstörung einen Angriff auf den Symbolgehalt des Artefakts darstellt und wann es sich bei Schriftzerstörung um einen neutralen oder einvernehmlichen Akt handelt, der etwa der ‚Aktivierung‘ oder ‚Freisetzung‘ eines Textes dient.

Das Ziel der Arbeitsgruppe ist es, das Phänomen „Zerstören von Geschriebenem“ im Rahmen von Kulturvergleichen zu erörtern und nach Möglichkeit in Richtung auf eine „Schriftanthropologie“ hin zu arbeiten. Leitend ist dabei die Frage, wieso Akteure eines spezifischen kulturellen Kontextes auf eine bestimmte Weise mit Schrift umgehen, was dies über ihr Verhältnis zu Schrift und schrifttragenden Artefakten aussagen kann und ob sich kulturübergreifende oder kulturspezifische Charakteristika feststellen lassen.